Das Leben in Binghamton

Hallo zusammen,

auch bei mir ist in den mittlerweile fast drei Monaten, die ich inzwischen bereits auf US-Boden lebe, einiges passiert. Doch der Reihe nach. Wie bei uns allen startete meine Reise per Flugzeug im guten alten Deutschland. Der internationale Flug in die USA zu meinem Umstiegsflughafen Washington Dulles verlief soweit auch problemlos, allerdings haben die US-Sicherheitschecks und Einreisekontrollen leider 5 Minuten zu lang gedauert, sodass ich meinen Anschlussflug verpasst habe und 4 Stunden auf einen Anschlussflug warten musste (wobei die erste Stunde dafür drauf ging, an dem Schalter zu warten, der für das Umbuchen zuständig ist). Aber schlussendlich saß ich dann im Flieger nach Binghamton und befand mich auf dem Weg dahin. Soweit die Theorie. In der Praxis gab es aber ein so starkes Unwetter in Binghamton, dass der Pilot nicht landen konnte und wir zu einem anderen Flughafen umgeleitet wurden, um nachzutanken und das Unwetter auszusitzen. Mein Gepäck war bei den Sicherheitskontrollen in Washington natürlich schneller unterwegs und bereits in Binghamton, und so mussten ich und die anderen Fluggäste wohl oder übel warten, bis die Bedingungen für eine Landung in Binghamton wieder günstig waren. Auf diesem Flug hab ich dann auch erfahren, was es bedeutet, „in Turbulenzen“ zu geraten – Achterbahn ist ein scheiß dagegen. Der Flug nach Binghamton fand in einer kleinen, vielleicht 40 Sitze großen Maschine statt, und man hat sich eher gefühlt wie ein Blatt im Wind als in einem „sicheren“ Transportmittel. Aber am Ende ist ja alles gut gegangen. Am Airport Binghamton angekommen konnte ich dann tatsächlich auch meinen vorausgereisten Koffer in Empfang nehmen und musste nur noch zu meinem Hotel kommen. Mittlerweile war es 1 Uhr nachts und eigentlich hatte ich vor, gegen 18:00 am Tag davor bereits im Hotel zu sein. Zu entsprechend später Stunde waren auch keine Taxis mehr am Airport. Zu meiner Rettung hatte meine Sitznachbarin aus dem Flug nach Binghamton ihr Auto am Airport und bot mir an, mich zum Hotel zu fahren, was ich natürlich dankbar annahm. Nach 28 stündiger Reise konnte ich mich dann gegen 2 Uhr im Hotel endlich für ein paar Stunden schlafen legen, um 10 war bereits wieder check-out.

Am nächsten Tag hab ich mich nach dem check-out auf die Suche nach der nächsten Bushaltestelle gemacht, um irgendwie in RIchtung Innenstadt zu kommen. Zuvor hab ich im Hotel noch ein paar Vermieter angerufen und Besichtigungstermine vereinbart, zu denen ich nun gehen wollte. Weit bin ich auf meiner Suche nach der Bushaltestelle aber nicht gekommen, da ein älterer Herr, auf der Veranda vor seinem Haus sitzend, mich ansprach und wissen wollte, wo ich den hin wolle. Nachdem ich ihm meine Pläne dargelegt hatte, wurde mir – wie tags zuvor – angeboten, zu meinem ersten Besichtigungstermin gefahren zu werden, was ich – wie tags zuvor – dankend annahm. So kam ich also nach einer sehr turbulenten Anreise sehr einfach zu dem Haus, in dem ich jetzt zusammen mit 3 anderen Mitbewohnern in einer WG lebe.

Bei den Mitbewohnern handelt es sich um einen Kenianer, einen Äthiopier und einen Ami. Ist also eine bunt gemischte Truppe, mit der ich mir seit 3 Monaten die Wohnung teile. Wie meine beiden Fahrer auch sind sie sehr nett und ich komme gut mit ihnen klar. Insgesamt sind die Menschen hier sehr freundlich und hilfsbereit.

Binghamton an sich ist wie die amerikanisierte Version von Ulm – viele Hügel um den Stadtkern herum, zwei Flüsse, die sich im Stadtkern vereinen (dementsprechend viel Nebel morgens, der sich aber schneller verzieht als bei uns) und die Uni liegt am Stadtrand auf einem der Hügel – ganz wie bei uns also. Zur Uni komm ich per Bus, oder mit Matt (meinem amerikanischen Mitbewohner), der ein Auto besitzt und bei dem glücklicherweise Montags – Donnerstags zur selben Zeit wie bei mir die Vorlesungen anfangen. Sowas wie Studententickets gibts hier übrigens nicht – der Studentenausweis zählt als Fahrkarte.

Mittlerweile hab ich auch herausgefunden, wo ich am besten einkaufen gehen kann, wobei sich die amerikanische „Küche“ dann doch deutlich von unserer unterscheidet. Manches vermisst man hier leider sehr, weil es entweder schlicht und einfach nicht vorhanden ist, oder aber so teuer, dass man es sich weder leisten noch mit Genuss essen kann. Dazu gehören unter anderem „richtiges“ Brot (hier haben selbst Pumpernickel die Konsistenz von Toastbrot – ungetoastet wohlgemerkt), Käse (hier gibts im wesentlichen  5 Käsesorten – Cheddar, Mozarella, Parmesan, Provologne und „Swiss“, welcher „echtem“ Käse noch am nähesten kommt). Auch die Pizzen sind hier anders. Leider hat die Pizzeria um die Ecke – vielleicht 500m von meiner Wohnung – vor einem Monat dicht gemacht. Das war sehr praktisch. Jetzt koche ich meistens selbst, wobei mir das für eine Person immer für zu viel Aufwand vorkommt. Aber irgendwas muss man ja schließlich essen 😉

An der Uni hier ist mir vor allem eines gleich aufgefallen: es gibt hier sehr viele Grünflächen und Bäume, um die sich sehr gut gekümmert wird. Das macht den Campus sehr einladend – mehr wie einen Park, in dem halt auch studiert wird. Neben den vielen amerikanischen Studenten gibt es auch eine Vielzahl an ausländischen Studenten und gefühlt mindestens genauso viele „Clubs“ wie Studenten insgesamt. Hier gibt es für alles einen Klub – wirklich für alles. Ufo-Klubs, Klubs für paranormale Phänomene, Zombie-Klubs, Vampir-Klubs, Rollenspiel-Klubs und die ganzen „normalen“ Klubs wie „beliebigeNationalitäteinfügen“-Klubs, „beliebigeSportarteinfügen“-Klubs etc. etc. Leider ist das alles sehr für auf dem Campus wohnende Studenten ausgelegt, was ich als graduate Student nicht darf. Die Zeiten, in denen sich die verschiedenen Clubs treffen, sind für meine Busverbindungen schlichtweg unmöglich. Genauso geht es mir beim Sport. Das Volleyballtraining ist hier von 22:00-24:00. Keine Ahnung wer auf diese Idee gekommen ist, für mich macht das selbst für auf dem Campus lebende Studenten wenig Sinn, wenn am nächsten Morgen um 8:30 wieder Vorlesungen sind. So muss ich halt aufs Joggen zurückgreifen, um mich fit zu halten.

Aus Binghamton raus gekommen bin ich auch schon, New York und die allseits beliebten Niagara Fälle standen bereits auf meinem Programm. Beide Male per Mietwagen, wobei ich festgestellt habe, dass Auto fahren hier deutlich entspannter ist als bei uns. Dadurch, dass das Tempolimit bei theoretischen 65 mph liegt (praktisch so zwischen 70-75 mph), fahren alle etwa gleich schnell und man muss sich nicht sooo sehr konzentrieren wie bei uns (wenn der dicke BMW von hinten drängelt usw.)  Auto fahren ist hier wirklich angenehm.

New York war sehr eindrucksvoll, allerdings ist das keine Stadt in der ich länger wohnen wollen würde. Dafür ist sie mir zu vollgestopft und hektisch. Aber dennoch war es seinen Besuch wert.

Deutlich besser haben mir die Niagara Fälle gefallen, wobei dieser Trip mit einem sehr ungünstigen Umstand in Verbindung steht. Ich war wieder mal per Mietwagen unterwegs, und kurz bevor ich mein Hotel auf der kanadischen Seite erreicht hatte, hat eine US-Fahrerin beschlossen, mich noch etwas länger auf der amerikanischen Seite zu halten. Kurz zusammengefasst, sie ist angetrunken über eine rote Ampel in mich reingefahren. Ich wollte geradeaus weiterfahren, sie kam von links und hat mich auf Höhe des Vorderrads erwischt. Meinen Mietwagen hats dabei um 270° gedreht, Airbags sind los und quasi die gesamte Front vom Wagen wurde abgerissen. Polizei und Krankenwagen waren relativ schnell da und haben alles aufgenommen. Der Wagen war ein Totalschaden, aber sonst ist glücklicherweise niemand ernsthaft verletzt worden. Es zieht nur eine unnötige Menge an juristischem und logistischemAufwand nach sich. Zunächst mal zum Hotel kommen (ich war ja immer noch auf amerikanischem Boden und musste nach Kanada rüber, was zum Glück per Taxi bewältigt werden konnte), am nächsten Tag dann zu einem neuen Mietwagen kommen (natürlich war Sonntag und die einzige Möglichkeit zu nem neuen Wagen zu kommen war der Buffalo International Airport 20 Meilen entfernt von Niagara Falls), was auch per Taxi sein musste. Davor war ich natürlich trotzdem an den Niagara Fällen, allerdings nicht so lang wie ich mir das gewünscht hätte. Der Unfall hat meinen Zeitplan etwas durcheinander gewirbelt…

Wieder in Binghamton angekommen bin ich dann noch zu einem „richtigen“ Arzt gegangen, weil mit der Behandlung des Krankenwagenteams keiner was anfangen kann. Die hatten nicht mal was zum desinfizieren da … Zum Glück ist da nichts ernsthaftes passiert, was anderes als ein sauberer Taxiservice mit Blaulicht wäre das nicht geworden. Ich hab dann Medikamente verschrieben gekriegt, die Muskelverspannungen lösen sollten. Nebenwirkung: extreme Schläfrigkeit. Die Woche nach dem Unfall war ich physisch zwar in den Vorlesungen anwesend, aber mehr mit wach bleiben beschäftigt als mit verstehen was der Prof mir da erzählen will. Dann hab ich mir auch nen Anwalt genommen und auf diesen Fall angesetzt. Das wird sich aber über mindestens 9 Monate hinziehen, weil da eventuelle Narben zum ersten Mal angeschaut werden. Wahrscheinlicher ist aber, dass die das erste Mal nach 12 Monaten angeschaut werden. Das ist also ein laufender Posten in meinem Hinterkopf.

Wie ihr seht, hatte ich in letzter Zeit einiges um die Ohren. Zu dem eben geschilderten kommt dann natürlich noch das Übungen geben, Quizze und Klausuren korrigieren, selber lernen und Stoff nachholen und das Haushalt führen. Über zu viel Freizeit kann ich mich momentan nicht beklagen 🙂

 

Das wars für den Moment von mir, liebe Grüße

Jonas

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